Donnerstag, 3. August 2017

Klicken was das Zeug hält?

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Oder: warum mir die digitale Welt mal wieder den letzten Nerv raubt.

Das ist ein Thema, was bei mir immer mal wieder aufkommt, über das ich schimpfe, aber nie schreibe oder podcaste. Es kommt auf wie eine große Flutwelle, ebbt danach aber meistens auch wieder ab. Zur Zeit befinde ich mich wieder einmal mittendrin.

Es ist kein Geheimnis, dass die Welt sich immer mehr digitalisiert, dass alles, was man macht, irgendwo eingegeben und ausgewertet wird. Bei der Arbeit wurden uns in den letzten Monaten einige Apps aufgedrückt. Eine für die Buchung von Firmenfahrkarten (funktioniert mehr schlecht als recht und manchmal auch gar nicht). Eine weitere, wo man diese dann abrechnet (umständlich und zeitraubend). Dann gibt es noch eine, womit man Züge tracken kann, ob sie wann von wo fahren und dann noch eine, wo man gucken kann, wo man als Mitarbeiter günstiger Kaffee bekommt. Es wird gerade eine weitere App entwickelt, über die man dann seinen Urlaub einreichen soll. Also noch mehr App-Müll fürs Handy. Und wofür? Weil alles ja so schön praktisch und schnell ist. Praktisch und schnell? Nunja. Für jeden Pups, den man tut, gibt es eine separate App. Wäre alles in einer Arbeitsapp vereint, dann könnte ich mich dazu hinreißen lassen, das ganze praktisch zu finden. Aber so? So bin ich schon genervt, wenn ich nur daran denke. Die Firma hat noch mehr in Petto, was in nächster Zeit an den Start gehen soll. Alles in App-Form, natürlich alles separat. Wer blickt denn da noch durch? Ich habe auch überhaupt keine Lust, das alles über den kleinen Handybildschirm zu machen. Bei den ganzen Icons muss man erstmal den richtigen finden… Um den ganzen Kram auszudrucken, muss ich es erstmal abspeichern und dann per Kabel oder Mail vom Handy ziehen, um es abheftbar auszudrucken. Speichen in Clouds? Toll, klasse, schön noch mehr meiner persönlichen Daten in Clouds ablegen, fantastisch. Was soll das alles?

Wie, Du hast noch einen Papierkalender??

Weiter geht es im privaten Bereich. „Warum hast Du denn noch einen Papierkalender?“. Weil es das Internet gar nichts angeht, was ich wann vorhabe und wann ich nicht zu Hause bin. Kopfschütteln meines Gesprächspartners. „Aber es wird doch alles so schön synchronisiert.“ Fein, aber ich hätte gerne meine Termine so im Griff, dass ich nichts synchronisieren muss. Ich will mich nicht mit Terminen vollschmeißen, so dass ich den Überblick verliere. Ich mag Papierkalender. Da kann man drin rummalen. Den kann nur ich einsehen. Ein winziges Stückchen echte Privatsphäre in dieser grässlich überdigitalisierten Welt. Ich kenne Leute, die haben Apps für alles, was man sich vorstellen kann. Überall kann man seine „Daten“ einfüllen. Ich trinke 8 Gläser Wasser am Tag. Ich habe 12,87 € im Monat für Schnickschnack ausgegeben.  Ich bin 5x im Monat laufen gegangen; mein Fitnesstracker verleiht mir eine Silbermedaille. Bravo! Und wofür? Wer interessiert sich in drei Jahren noch für seine eigenen Statistiken (außer der Werbeindustrie)?  Überall muss man sich anmelden, um up to date zu sein oder um überhaupt irgendwo mitmischen zu können. Sich treffen, sich zusammensetzen und Dinge organisieren, das gibt es kaum noch. Alles wird über Whatsapp, Facebook und Doodle geregelt. Sicher, das kann mal praktisch sein, aber es nimmt einfach überhand, weil alles nur noch so gemacht wird. Wer sich da nicht anmeldet, kann halt nicht mitmachen (bei was auch immer). Es wird verlangt und erwartet, dass man sich in alle Richtungen vernetzt. Damit man immer alles mitkriegt, immer alles sammelt und speichert, Fotos, Daten, persönliche Dinge, alles online, immer bereit, immer fein aufbereitet und in eine feine Statistik verpackt. Das ganze Leben ist ein digitales Tortendiagramm.

Mir wird das langsam zu viel. Wenn ich daran denke, wieviel Zeit man im Schnitt damit verbringt, Inhalte in all diese Programme und Progrämmchen zu füllen, wieviel Lebenszeit man damit verplempert, ganz private Dinge ins Internet zu schreiben, nur um „perfekt organisiert“ zu sein… Mir schwirrt der Kopf. Denn es geht ja noch weiter. Beispiel Facebook. Was da an Fotos hochgelanden wird, das ist gruselig. Mal ein-zwei Schmankerl, das ist ja ganz nett, aber es gibt Menschen, die breiten Ihren kompletten Urlaub dort aus. Mir selber würde das eine ganze Menge kaputt machen. Meine Erlebnisse, meine Freude, meine Gedanken und Empfindungen während einer Reise sind mein ganz eigenes Gut, an denen ich nur ganz ausgewählte Menschen teilhaben lassen möchte. Wenn ich mir mehreren Leuten unterwegs bin und fotografiere, dann kommt irgendwann die Frage auf „Stellst Du Deine Fotos auch online? Brauchst auch nicht vorher sortieren“. Hallo? Nein, sicherlich nicht. Ich habe immer ein leicht schlechtes Gewissen, weil ich mit meinen Bildern so knauserig umgehe, aber einfach alles unsortiert der Allgemeinheit zur Verfügung stellen, das mache ich grundsätzlich nicht. Ich bitte auch immer darum, dass die Bilder keinesfalls bei Facebook eingestellt werden sollen. Ich ernte dafür meistens Unverständnis. Das führt so weit, dass ich die Bilder gar nicht rausgebe und mir weiteren Unmut zuziehe, aber das ist mir egal. Fotos sind für mich ganz persönliche Momentaufnahmen, die ich nicht in die Welt herauströten möchte. Ich kann nicht ausreichend erklären, warum das so ist, aber ich möchte nicht, dass das Internet in meine innere Gedankenwelt blickt. Ich kann mich eben nicht nur darüber definieren, dass ich massenhaft Bilder von dem, was ich erlebe, ins Internet hochlade. Vielleicht sollte ich wieder dazu übergehen, analog zu fotografieren. Das macht mir im Grunde sowieso mehr Spaß. Denn was habe ich davon, wenn 76589 Menschen ein Foto von mir „liken“? Wenn das teils auch Leute sind, die ich gar nicht kenne, weil durch teilen und Freundesfreunde irgendwie doch jeder Zugriff auf meinen Kram hat, auch wenn man das angeblich abstellen kann? Was bringt es mir? Was gibt es mir? Facebook ist eine Krake, die immer schlimmer wird. Ist man dort nicht angemeldet, verliert man zu vielen Leuten einen lockeren Kontakt. Leute, mit denen man ab und an mal ein paar Worte wechselt, mit denen man aber nicht stundenlang telefonieren würde. Lose Bekanntschaften eben. Die würden mir teilweise schon fehlen. Es gibt ja so Leute, mit denen ist man nicht im herkömmlichen Sinne befreundet, sondern eben bekannt und über FB gibt es halt ab und zu mal einen netten Smalltalk. Hebt das aber das Negative auf? Die ewigen Grundsatzdiskussionen zu politischen Themen, die mir sowas von zum Halse raushängen, dass ich schon Leute blockiert habe, weil ich das nicht mehr ertrage. Die sinnlosen Diskussionen in Gruppen,  wo sich die Leute einfach nur um Nichtigkeiten streiten, als gäbe es kein Morgen, um dann beleidig das Feld zu räumen. Ich meide zwar dort Gruppen, aber was mir von anderen Leuten angezeigt wird, kann ich nur bedingt steuern. Mich belastet das; mich nervt das. 

Ein schleichender Prozess, der einem immer mehr aufzwängt

Es wird einem so viel aufgedrängt und man kann sich dagegen nur abschotten, wenn man diese Webseiten einfach gar nicht besucht. Entweder – oder. Anders geht es gar nicht. Eine teilweise und entspannte ab-und-zu-mal-Nutzung scheint kaum machbar.  

Immer mal wieder rauscht all das auf mich ein und ich fühle mich einfach nur noch gestresst. „Guck hier, klick da, registriere Dich dort, wir müssen uns zusammenfinden.“ Am liebsten würde mich manchmal gerne überall abmelden und das Netz das Netz sein lassen. Ich würde es gerne in dem geringen Umfang nutzen, der mir gut tut und den ich auch als Bereicherung ansehen kann. Ich würde mir wünschen, dass die Leute akzeptieren würden, dass ich keine Lust auf ein volldigitales Leben habe und dass ich z.B. nur für mich fotografiere und für niemanden sonst. Ich kenne wenige, die das verstehen. Aber leider auch sehr viele, die darüber die Nase rümpfen. All das ist gerade eine große Belastung für mich, und ich merke, dass ich aussortieren muss. Dass ich gucken muss: wo will ich noch mitmischen und wieviel. Doch wie macht man das?

Mögliche Maßnahmen

Ich habe in den letzten Tagen alles von meinem Handy gelöscht und deaktiviert, was ich definitiv nicht nutze. Ein paar wenige Anwendungen sind geblieben und ich weiß jetzt schon: die anderen werde ich gar nicht vermissen. Die Benachrichtigungstöne für Whatsappgruppen sind komplett ausgeschaltet, so dass ich nicht immer sofort mitbekomme, dass es neue Nachrichten gibt. Denn Hand aufs Herz: wenn das Handy piept, guckt man doch häufiger drauf als wenn es still ist. 
Dann gibt es noch so einige Foren, bei denen ich angemeldet bin, aber schon lange nichts mehr schreibe. Ich bin dort aus nostalgischen Gründen immer noch registriert, weil ich denke, wenn ich zurück will, will ich das unter meinem bestehenden Usernamen. Aber im Grunde ist es völlig egal. Es ist nicht wichtig, ob man mir alle Inhalte von vor fünf Jahren noch zuordnen kann oder nicht. Wenn ich diese stillgelegten Accounts einfach löschen lasse, bin ich sie los und ich glaube, dass mir das momentan ganz gut entgegen kommen würde. Und vermutlich werde ich die auch nicht vermissen. Und falls doch… hält mich keiner auf, wenn ich mich neu anmelde.

Das Wenige, was mir wirklich Spaß macht im Netz ist z.B. Ravelry. Die Gruppen, in denen ich mich bewege, sind spannend. Die Leute sind entspannt und man tauscht sich einfach aus. Kein Neid, keine Grundsatzdiskussionen, kein Streit. Eine kleine, heile Wollwelt, die für mich eine kleine Internetoase ist, die ich auf keinen Fall missen möchte. Ich mag es auch total, auf verschiedenen Blogs zu lesen, die ich mir mit der Zeit zusammengesammelt habe. Es gibt ganz tolle Seiten, die informativ und inspirierend für mich sind. Das gilt auch für Podcasts zu unterschiedlichen Themen. Die kann ich mir aufs Ohr setzen, während ich stricke oder im Garten buddle. Perfekt! Ein bisschen abgekommen bin ich von den meisten Videopodcasts, was unter anderem daran liegt, dass ich nicht so viel „in die Röhre gucken“ möchte. Ich lese auch gerne mal ein richtiges Buch. Also das mit den Papierseiten, nicht auf dem Ebook-Reader. Der Duft von altem Buchpapier ist unschlagbar; eingewickelt in eine Wolldecke vor dem Kamin oder draussen auf dem Sofa im Schatten liegend.

Ich bin gespannt, wie sich das noch so weiterentwickelt. Nicht nur generell auf der Welt sondern auch im Freundes- und Bekanntenkreis oder bei der Arbeit. Ich werde jedenfalls ein ganzes Stück zurückrudern und mich auf das wenige konzentrieren, was mich wirklich bereichert und mich inspiriert. Mich ganz vom Internet und der digitalen Welt abwenden will ich mich gar nicht. Ich möchte es nur so nutzen, dass es mir nicht die Nerven raubt. Das ist nicht ganz einfach, aber ich schaue mal, wie ich da einen Dreh hineinbekomme. 

Wenn Ihr bis hierhin gelesen habt, sage ich danke. Vielleicht geht es Euch ja ganz ähnlich.

Viele Grüße und Ahoi, 
Diana 


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1 Kommentar:

  1. Liebe Diana,

    ich kann Dich sehr gut verstehen. Ich bin bekennender Facebook-Verweigerer und möchte auch nicht immer und überall alles hochladen. Mein Kalender ist weitgehend papierhaft. Und es frisst alles enorm viel Zeit. Manchmal geht mir das alles auch sehr auf die Nerven. Da hilft nur eins: abschalten, wie Peter Lustig schon sagte ;). Ganz ohne möchte ich allerdings auch nicht.

    Herzlichst Bine


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